Leseprobe

 

Leseprobe aus »Im Herzen ein Schneeleopard«,

dem Auftakt der Reihe »Heart against Soul«

von Anika Lorenz

 

 

 

 

Es war mal wieder nicht viel los in Anna’s Bakery. Schon zum sechsten Mal wischte ich den vor Sauberkeit glänzenden Tresen ab. Genau vier Gäste hatten wir in der kleinen Bäckerei. Unsere Stammgäste, die wie immer ein kleines Frühstück mit Kaffee bestellt hatten.

Seit fast einem Jahr arbeitete ich hier als Kellnerin. Anna, eine nette ältere Dame, die bald ihren 61. Geburtstag feiern würde, und James, ihr gleichaltriger Ehemann und leidenschaftlicher Bäcker, besaßen das Geschäft.

Entsprechend ihrem Alter war auch die Einrichtung. Fliederfarbene Blümchentapeten klebten an den Wänden. Runde weiße Tische mit Zierdecken verteilten sich in dem kleinen Raum. Die Stühle mit gewölbter Lehne waren mit hellblauen Stoffkissen bestückt. An den Wänden hingen goldene Rahmen mit gemalten Landschaftsbildern. Das einzige Moderne hier war die Hightech-Kaffeemaschine, die wir erst seit einer Woche hatten. Nur leider konnte sie keiner bedienen. Ich platzierte ein Stück unseres berühmten Apfelkuchens auf einem kleinen verzierten Teller. Mr. Petrucci gönnte sich regelmäßig eins nach seinem Frühstück.

»Danke, Emma.« Als er mich anlächelte, kamen eine Reihe vergilbter Zähne zum Vorschein, die er dem Kettenrauchen verdankte. Er war schon weit über siebzig und trotz des Rauchens immer noch fit. Seine Haut war - wie für einen Südländer typisch - tiefbraun und mit Falten übersät. Fast so runzlig wie eine Rosine. Mr. Petrucci stammte ursprünglich aus Italien und hatte hier ein Feinkostgeschäft mit Antipasti, Nudeln und anderen italienischen Spezialitäten. Aber er machte oft Urlaub in seiner Heimat. Nachdem ich noch mal allen Kaffee nachgeschenkt hatte, widmete ich mich wieder dem Tresen. Ziemlich gelangweilt starrte ich dabei die Wand an. Eigentlich sollte ich um diese Zeit in einer Vorlesung über zeitgenössische Architektur sitzen und schlechte Witze meines völlig überalterten Professors hören. Stattdessen saß ich hier in meiner kleinen Geburtsstadt fest, deren Namen niemand außer uns Einwohnern und die wenigen Touristen, die sich zu uns verliefen, kannte, mitten in Maryland, USA. Alle meine Freunde waren derweil auf dem College und genossen Bildung und andere Aktivitäten. Ich seufzte, als ich an meine beste Freundin Dana dachte, die bestimmt schon wieder dem nächsten Jungen den Kopf verdrehte. Im Gegensatz zu mir hatte sie - oder eher gesagt hatten ihre Eltern - genug Geld, um sich ein Studium zu leisten. Ich dagegen musste es mir erst verdienen. Tag für Tag arbeitete ich hier für acht Dollar die Stunde und lächelte unentwegt, um möglichst viel Trinkgeld zu bekommen. Nur leider war das Publikum immer weit über sechzig und die meisten bekamen sehr wenig Rente. Es würde wohl noch Jahre dauern, bis ich das Geld zusammenhätte. Bedauerlicherweise gehörte ich auch nicht zu den wenigen glücklichen Stipendiaten, obwohl ich sehr gute Noten vorzuweisen und an vielen außerschulischen Aktivitäten teilgenommen hatte. Es gab einfach zu viele Bewerber, die noch besser waren als ich und noch mehr geleistet hatten. Aber irgendwann musste ich doch auch mal schlafen, sonst hätte ich die Highschool nie überlebt. Tja, so konnte das manchmal gehen. Trotzdem gab ich die Hoffnung nicht auf, eines Tages Architektur studieren zu können.

Um 16 Uhr war mein Dienst endlich vorbei. Schnell legte ich die weiße Spitzenschürze in meinen Schrank, zog anstatt meiner babyblauen Arbeitskleidung eine Jeans und ein T-Shirt an und winkte Sophie - meiner Ablöse - noch einmal zu, bevor ich den Laden verließ.

Genau vor der Tür stand mein alter rot-weißer Ford, dessen Lack sich immer weiter ablöste. Doch solange er fuhr, war er das beste Auto der Welt. Weil ich sehr weit außerhalb wohnte, war ich auf ihn angewiesen und ich hoffte, dass er mir noch sehr lange gute Dienste erweisen würde. Wie immer brauchte ich drei Versuche, bis er ansprang. Aller guten Dinge waren drei, das wusste er. Das Auto roch nach alten Ledersitzen und nach dem süßlichen Geruch von Zigarre, den mein Grandpa so geliebt hatte. Eigentlich war dies einmal sein Auto gewesen. Doch er war vor zwei Jahren an einem Schlaganfall gestorben und seitdem nutzte ich ihn. Schnell legte ich den Gang ein und fuhr auf der einen von zwei Hauptstraßen des Stadtzentrums in Richtung Zuhause.

Die Touristen liebten diese Stadt wegen ihrer Verspieltheit und Sauberkeit. Die Häuser mit roten Backsteinen waren im viktorianischen Stil erbaut worden. Überall gab es kleine, niedliche Boutiquen, Restaurants und Cafés, deren Türen und Fenster weiß, blau oder grün angestrichen waren. Bunte Markisen waren ausgefahren und aufwendig angemalte Namensschilder aus Holz hingen an den Türen der Geschäfte. Blumengestecke machten die grauen Bürgersteige schöner und weiße Stühle und Bänke luden zum Verweilen ein – es war eine Kleinstadt wie aus dem Bilderbuch. Ich passierte das einzige Hotel im Zentrum. Es gehörte den Eltern von Dana und Daniel. Daniel saß wie ich in der Stadt fest. Seine Eltern hatten feste Pläne mit ihm. Er würde einmal das Hotel übernehmen und arbeitete im Moment als Praktikant, während seine Zwillingsschwester den Campus unsicher machte.

Er war der einzige Freund von mir, mit dem ich noch Zeit verbringen konnte und den ich sonst gerne nach der Arbeit besuchte, doch heute musste ich früh nach Hause, denn Henry - ein guter Bekannter meiner Grandma und mir - würde sich heute unser Dach anschauen.

Seit Wochen regnete es bei uns rein. Der Dachboden stand mehrmals im Monat unter Wasser und wenn wir keinen Schimmel in unserem Haus haben wollten, mussten wir endlich was tun. Das Dach war genauso alt wie das Haus, also rund siebzig Jahre. Meine Großeltern hatten es erworben, als sie zwanzig waren. Schon damals wollte mein Grandpa das Dach erneuern, aber das fehlende Geld hatte das Vorhaben immer weiter nach hinten verschoben und nur notdürftige Reparaturen waren möglich gewesen. Jetzt konnten wir es nicht weiter hinausschieben. Henry sollte einschätzen, was noch zu retten wäre und welche Kosten auf uns zukommen würden. Etwas, was mir jetzt schon Bauchschmerzen bereitete.

Ich wohnte mit meiner Grandma alleine weit abseits vom Zentrum. Eine halbe Stunde musste ich durch die Gras- und Waldlandschaft fahren, um zu unserem Haus zu kommen. Meine Mutter hatte mich im Alter von drei Jahren verlassen, um sich ganz egoistisch ihren eigenen Traum zu erfüllen, nämlich die ganze Welt zu sehen. Ich konnte mich kaum an sie erinnern, denn ich lebte länger ohne sie als mit ihr.

Auch wenn sie wusste, wo wir wohnten, war ihr nie in den Sinn gekommen uns zu besuchen. Manchmal kam eine Postkarte zu meinem Geburtstag und manchmal auch nicht - das war das einzige Lebenszeichen von ihr. Von meinem Vater wusste ich gar nichts. Meine Grandma erzählte mir immer wieder, meine Mutter wüsste nicht, wer mein Vater sei. Wahrscheinlich irgendein spanischer Musiker, den sie in einer Tapasbar kennengelernt hatte, oder vielleicht doch ein französischer Künstler? Meiner Fantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt.

Manchmal, in schwachen Momenten, stellte ich mir sogar vor, wie es an der Tür klingelte. Dann würde ich die Tür öffnen und es stand ein irischer vollbärtiger Mann mit Adelstitel vor mir, der mir sagte, dass ich seine Tochter sei. Wir würden uns in die Arme schließen. Er würde mir erzählen, was er alles in die Wege leiten musste, um mich zu finden, und ich würde ihm erzählen, dass ich ihn vermisst hatte, obwohl ich ihn nicht kannte.

Ich schimpfte laut mit mir selbst, als mir wieder klar wurde, wie armselig diese Träumereien waren. Wieso musste ausgerechnet ich bestraft werden mit einer chaotischen und verantwortungslosen Mutter? Sie allein war daran schuld, dass ich keine Eltern hatte.

Das Auto von Henry stand schon da, als ich unser verrostetes Eisentor passierte. Auch wenn das Haus renovierungsbedürftig war, liebte ich es von ganzem Herzen. Es war ein über die Jahre ergrautes Holzhaus mit einer großen Veranda, die rundherum führte. Verblichene minzgrüne Fensterläden waren Farbtupfer auf dem sonst eintönigen Hintergrund. Viktorianische Verzierungen umsäumten den Dachvorsprung, die Fenster und das Verandageländer.

Um das Haus herum gab es keine Nachbarn weit und breit, nur Natur und alte Apfelbäume, die gerade in voller Blüte standen. Es war ein schöner einsamer Fleck auf der Erde. Der nächste in der Nähe lebende Mensch war Mr. Solter gewesen, aber der war letzten Monat verstorben und seitdem stand seine Villa leer.

»Hallo, Granny«, begrüßte ich meine Großmutter, die gerade strickte. Sie strahlte über beide Ohren, als sie mich sah, und tätschelte meine Wange zur Begrüßung mit den seidenen Handschuhen, die ihr Grandpa geschenkt hatte. Sie halfen gegen die Steifheit in den Fingern und ich kannte sie schon nicht mehr ohne.

»Henry ist schon oben auf dem Dachboden und sieht sich alles an.« Sie war immer so freundlich und besaß wunderschöne lange graue Haare, die sie zu einem Zopf geflochten hatte. Eigentlich war sie erst 67 Jahre alt, aber sie wirkte viel älter und gebrechlicher. In der Nacht, in der mein Grandpa starb, war sie in kurzer Zeit um mehrere Jahre gealtert. Der Verlust hatte sie schwer mitgenommen. Sie hatte an Gewicht verloren, an Fröhlichkeit, und ihre Arthrose war so schlimm wie noch nie. Ich hatte den Verdacht, wenn ich nicht wäre, würde sie mit ihm unter der Erde liegen. Ein kalter Schauer überkam mich. Es machte mich immer traurig, an ihren Tod zu denken. Ich wollte sie nicht auch noch verlieren.

»Ja, habe ich mir schon gedacht. Sein Auto steht draußen.«

»Natürlich.«

»Ich gehe dann mal nach oben und höre mir an, was er zu sagen hat.«

»Mach das, Schätzchen.«

Das Haus war nicht sehr groß. Es bestand aus zwei Stockwerken und einem Keller. Im Erdgeschoss befanden sich die Küche, ein kleines Gästebad, das Wohn- und Esszimmer. Oben waren drei Zimmer, eins davon war von meiner Grandma, das andere war noch immer das Kinderzimmer meiner Mutter und dann war da noch mein Zimmer am Ende des Flurs. Gegenüber dem Zimmer meiner Grandma gab es noch ein großes Bad. Ich ging durch den schmalen Flur, dessen Boden aus dunkelbraunen Dielen bestand. Die Tapete an den Wänden hatte schon bessere Tage gesehen. Sie war vergilbt und manch eine Ecke hatte sich bereits gelöst. Ich versuchte alles in Stand zu halten. Von meinem Grandpa hatte ich ein paar Kenntnisse übers Heimwerken, da er Tischler gewesen war. Doch leider fehlten meistens das Geld und die Zeit, alles auf Vordermann zu bringen, und jetzt war erst einmal das Dach das Wichtigste. Bevor der Herbst hereinbrach, musste es repariert werden, sonst würde die Haussubstanz darunter leiden und die Kosten für die Reparatur wären unabsehbar. Henry begutachtete gerade die Dachbalken, die auch schon in Mitleidenschaft gezogen waren. Er hielt inne, als er mich sah. Sein Gesichtsausdruck, der unter seinem dunkelblauen Cappy zum Vorschein kam, ließ nichts Gutes vermuten. Auch wenn er viel jünger war als mein Großvater, waren sie gute Freunde gewesen. Sie hatten sich beide auf dem Bau kennengelernt. Er lebte in einer Nachbarstadt - zwei Stunden entfernt von hier. Seine Frau Andrea und seine beiden Kinder Lisa und Holly waren wirklich nett und hatten uns sehr geholfen, seitdem mein Großvater tot war.

»Die gute Nachricht ist, die großen Balken müssen nicht ausgetauscht werden. Aber die Sparren und die Dachziegel müssen unbedingt erneuert werden, und das so schnell wie möglich. Flicken würde da gar nichts mehr bringen.« Sein brauner Schnauzer hing herunter, als er mir das sagte. Er wusste, wie knapp unser Geld war. Ich hatte es mir schon gedacht, doch trotzdem schockierten mich seine Worte.

»Die Feuchtigkeit in dem Raum ist schon sehr groß und wenn wir noch länger warten, könnte die ganze Statik darunter leiden.«

»Wie viel?«, fragte ich. Da ich ihm vertraute, musste ich mir das nicht alles anhören. Das Einzige, worauf es mir ankam, war der Preis. Er seufzte.

»Ganz genau kann ich es leider nicht sagen.« Er versuchte die Wahrheit hinauszuzögern.

»Schätz einfach.«

»… 20.000 Dollar.« Da blieb mir der Mund offen stehen. Er machte einen Schritt auf mich zu und hob den Arm, um ihn tröstend auf meine Schulter zu legen.

»Ich werde mich um alles kümmern, versprochen. Ihr zahlt es zurück, wenn ihr könnt.«

Dank lag in meinen Augen, als ich ihn ansah. »Das kann ich nicht annehmen. Wir haben ein bisschen Erspartes auf der Bank. Damit können wir die Kosten decken.« Die Hinterlassenschaft meines Großvaters. Das Geld, das ich eigentlich für das Studium bräuchte. Er nickte.

»Ich bin dann hier erst einmal fertig. Zu Hause werde ich den Kostenvoranschlag vorbereiten und euch zusenden. Dann sehen wir weiter.«

»Danke, Henry. Ach, und erzähle bitte Eleonore nichts davon. Ich sage es ihr später.« Er nickte und ließ mich allein in dem spärlich beleuchteten Dachboden, der immer etwas muffig roch. Wütend starrte ich an die Decke. Warum musste das gerade jetzt passieren? Hätte das Dach nicht noch vier Jahre durchhalten können? Vielleicht wäre ich dann schon mit dem Studium fertig und hätte einen gut bezahlten Job. Doch so würde es niemals etwas werden. Missmutig ging ich die Treppe wieder hinunter. Ich war einfach so müde von meinem Leben. Alles ging den Bach runter. Nach dem Dach würde es nicht mehr lange dauern, bis die Heizung ersetzt werden müsste, dann würden vielleicht Termiten zu unserem Problem werden. Es hörte einfach nicht auf, auch wenn ich nach der Arbeit ständig am Reparieren und Erneuern war. Meiner Oma würde es das Herz brechen, wenn ich ihr sagen würde, dass wir das College-Geld für das Dach ausgeben müssen. Sie würde versuchen mich davon abzuhalten, weil sie mich mehr liebte als ihr eigenes Leben. Eine andere Möglichkeit gab es aber für uns nicht.

In der Zwischenzeit hatte sich im Haus ein köstlicher Geruch von Eintopf ausgebreitet. Ich ging in Richtung Küche und blieb im Türrahmen stehen, um meine Grandma zu beobachten. Ihre Haare reichten ihr auch im geflochtenen Zustand noch bis zur Mitte des Rückens. Ihr Körper war einmal runder gewesen. Jetzt stachen ihre Knochen durch das blaue Kleid. Sie summte, während sie den Eintopf rührte … das Lieblingslied ihres Mannes. Ich schaute durch das weiß lackierte Fenster, das ich erst vor einem Monat abgeschliffen und neu angestrichen hatte. Im Vergleich zu der Einrichtung sah es fast schon neu aus. Der blaue Fliesenboden hatte Sprünge und Löcher, die ein kleiner grüner Teppich überdecken sollte. Die Küchenschränke waren in einem hässlichen Gelbton und die Griffe schon völlig abgenutzt. Der Gasherd und -ofen musste noch mit einem Feuerzeug angezündet werden, was meiner Grandma mit ihrer schlimmen Arthrose in den Fingern immer schwerer fiel. Ich räusperte mich, damit sie wusste, dass ich da war, und setzte mich an den Tisch.

Sie drehte sich zu mir um und suchte in meinem Gesicht nach den Antworten auf ihre Fragen.

»Henry wollte mir nichts sagen.« Ihr Blick war vorwurfsvoll. Sie mochte es nicht, wenn ich die Erwachsene gab.

»Es muss alles erneuert werden. Reparieren wird nichts mehr helfen.« Sie widmete sich wieder ihrem Eintopf, um ihre Sorgenfalten vor mir zu verbergen.

»Er erstellt für uns einen Kostenvoranschlag und dann werden wir sehen, wie teuer es wird.«

»Vielleicht kann ich einen Kredit aufnehmen?«, schlug sie vor.

»Nein, wir haben das nötige Geld.« Sie holte zwei Teller und befüllte sie mit Eintopf. Während wir aßen, diskutierten wir weiter. »Es kommt überhaupt nicht in Frage, dass du dein Uni-Geld für mein Haus ausgibst. Ich werde gleich morgen einen Termin mit der Bank machen.«

»Du vergisst, dass auch ich hier wohne. Es ist also auch mein Haus und ich möchte im kommenden Herbst nicht ertrinken, nur weil wir keinen Kredit bekommen haben.«

»Ich mache trotzdem einen Termin.« Sie wollte es sich nicht ausreden lassen. Soll sie doch hingehen. Wahrscheinlich würde sie sowieso lachend heim geschickt werden. Nach dem Essen ging ich nach oben in mein Zimmer. Es war klein, aber so gestaltet, wie ich es mir wünschte. Eine Wand, die mit Tafelfarbe gestrichen war, bemalte ich immer wieder neu mit Kreide. Im Moment stellte das Kreidebild einen Nachthimmel dar, der an eine Wiese grenzte. Ein großer Vollmond bildete das Zentrum des Bildes und wurde umrahmt von unzähligen Sternen. Das Besondere an dem Bild war, dass die Sterne und der Mond im Dunkeln leuchteten. Ansonsten stand gegenüber davon mein kleines Holzbett mit einer Bettwäsche in den knalligsten Farben, die ich im Geschäft gefunden hatte. Mein Kleiderschrank, den ich weiß lackiert hatte, stand rechts neben der Tür. Er war nicht sehr groß, deswegen platzte er aus allen Nähten. Nicht zu vergessen, mein Schreibtisch, der von hohen Bücherregalen mit zahlreichen Schul- und Malbüchern eingefasst war. Selbstverständlich gab es auch den einen oder anderen Liebesroman, den ich aus Spaß las.

Hier in meinem Zimmer entstanden auch die meisten Ideen für meine Bilder. Ein Zeichenblock lag immer auf meinem Nachttisch bereit, falls mich die Inspiration in der Nacht überfallen sollte. Das passierte, um ehrlich zu sein, ziemlich oft. Meine Träume waren immer sehr lebendig.

Meine Farben, Pinsel und Leinwände standen in der alten Werkstatt meines Großvaters. Aus ihr hatte ich mir ein schönes Atelier gemacht, in dem ich mich richtig austoben konnte.

Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und klappte meinen Laptop auf. Auch wenn ich nicht verstand, warum, hatten wir hier eine hervorragende Internetverbindung. Schnell ging ich auf meinen Facebook-Account und wurde mit den neuesten Fotos von Laura und Dana bombardiert, die am Wochenende wohl wieder auf einer Studentenparty gewesen waren.

Sie gingen beide auf die University of California in Los Angeles - kurz auch UCLA genannt. War ja klar, dass es Dana zu den Schauspielern, Models und Reichen zog. Laura war dabei nur Mitläuferin.

Sofort sah ich, dass mir Dana eine Nachricht geschrieben hatte:

Hey Emma, ich habe einen süßen Architekturstudenten kennengelernt. Sein Studiengang scheint ziemlich interessant zu sein und ich kann mir gut vorstellen, nächstes Semester ein paar Vorlesungen mit ihm zu besuchen. Vielleicht werden wir beide Architekten und können ein gemeinsames Unternehmen gründen. Wäre das nicht schön?

 

Natürlich war der Text mit unzähligen Smileys geschmückt. So wie sie es immer machte, aber noch mehr schockierte mich der Inhalt. Konnte sie sich nicht einen eigenen Traumjob suchen? Wieso musste oder eher gesagt konnte sie das machen, was ich unbedingt wollte?

Zähneknirschend schrieb ich ihr zurück:

Ich freu mich für dich.

 

Dahinter machte ich eine Zeile voller Smileys. Ich musste mich ja ihrem Schreibstil anpassen. Schnell klappte ich den Computer wieder zu. Das waren einfach zu viele Neuigkeiten auf einmal. Nichts konnte mich länger davon abhalten, mich missmutig auf mein Bett zu schmeißen. In einer anderen Welt und Zeit würde ich diejenige sein, die unter der Sonne von Kalifornien lebte und dort studierte. Leider existierte diese andere Welt nicht. Ich wollte nicht Trübsal blasen. Nein, ich sollte mich einfach mit meiner Situation abfinden. Mir blieb auch nichts anders übrig. Außerdem musste ich noch die kaputte Treppenstufe reparieren, bevor sich meine Grandma alle Knochen brach. Schlecht gelaunt raffte ich mich wieder auf und holte das schon zugesägte Brett und den Akkuschrauber.

»Was machst du da, Emma?« fragte meine Großmutter, die im Wohnzimmer fernsah.

»Ich repariere die Stufe«, rief ich zurück.

»Oh, toll, danke.«

Mit einem Schraubenzieher hebelte ich das schon morsche Holz ab und setzte das neue Brett ein. Sechs Schrauben später war die nächste Baustelle fertig. Fehlten nur noch um die dreihundert. Sie ließ es sich nicht nehmen, meine Arbeit zu prüfen. Nach der Inspektion, also wiederholtem Hoch- und Heruntergehen, war sie eindeutig zufrieden.

»Das hast du wirklich gut gemacht. Schade, dass dein Großvater nicht mehr sehen kann, was für eine gute Handwerkerin aus dir geworden ist. Möchtest du mit mir etwas fernsehen oder gehst du malen?«

»Ich glaube, ich werde noch etwas an meinem Bild weiterarbeiten.« Sie nickte, in ihrem Blick war immer der unbändige Stolz auf ihre Enkelin zu sehen. Sie würde alles für mich tun und ich alles für sie. Sie war die einzige Familie, die ich hatte.

Schnell zog ich mich um und ging rüber. Die Werkstatt war nur wenige Meter vom Haus entfernt und gehörte mir ganz allein. Meine Grandma ging nur noch ungern hinein. Die vielen Erinnerungen an ihren Ehemann überforderten sie. Ich schloss die Holztür auf und knipste das Licht an. Viel hatte es nicht mit einer typischen Werkstatt gemein. Der Raum war sehr offen. Eine Fensterfront von weiß ummantelten Gläsern ließ viel Sonne herein. Doch jetzt wurde es schon langsam dunkel. Große Tische, auf denen mein Großvater das Holz zugesägt hatte, standen mitten im Raum, vollgestellt mit meinen Farbtuben, diversen Paletten und Pinseln, die alle darauf warteten benutzt zu werden. Das schwere Werkzeug hatten wir verkauft. In unseren Händen wäre es nutzlos gewesen.

Unzählige Leinwände hingen entweder an den Wänden oder standen auf dem Boden. Meine Staffelei hatte ich vor dem Fenster platziert, da hatte ich das beste Licht. Ich betrachtete eingehend mein unfertiges Bild. In letzter Zeit hatte ich häufig Träume von unserem Wald und der Natur. Es war merkwürdig, aber irgendwie ließen mich die Bilder nicht los und mir blieb gar nichts anderes übrig, als sie auf die Leinwand zu bringen. Eigentlich waren es nur Bäume, Laubbäume, die in unserer Umgebung überall vorkamen, aber immer wenn ich das Bild anschaute, huschte ein kleiner Schauer über meinen Rücken und ein schwer beschreibbares Gefühl überkam mich. Heute würde ich es fertigstellen. Es fehlten noch einige Details wie Schattierungen und kleine Strukturen an der Rinde der Bäume. Auch der Lichteinfall der Sonne musste noch betont werden. Das könnte ich heute schaffen.

 

***

 

Es war spät geworden. Als ich aufhörte, war ich einigermaßen zufrieden. Bewaffnet mit einer Taschenlampe, die für späte Ausflüge wie diesen gedacht war, machte ich mich auf den Rückweg zum Haus. Ich eilte das kurze Stück zurück über die Wiese. Selbst so nah am Haus fühlte ich mich im Dunkeln nicht sicher, da half auch die Taschenlampe nicht. Die Lichter waren drinnen schon erloschen und das Gebäude wirkte wie ein großer unheimlicher Schatten. Irgendwie hatte ich das Gefühl, beobachtet zu werden, doch als ich mich umschaute, konnte ich nichts Verdächtiges erkennen. Von da an fixierten meine Augen nur noch mein rettendes Ziel - das Haus. Plötzlich raschelte es hinter mir und nichts konnte mich davon abhalten, den restlichen Weg zu rennen.

 

***

 

»Oh, Schätzchen, es gibt Neuigkeiten.« Grandma kam gerade vom Markt zurück, der immer sonntags nach der Kirche stattfand. Sie war sichtlich aufgeregt und ich drehte die Musik aus dem Radio leiser, um sie besser zu verstehen. Die prall gefüllten Tüten mit Obst und Gemüse wurden von ihr auf dem Tisch abgestellt und ich begann gleich damit, sie auszuräumen. Meine Grandma hatte immer den gleichen Gesichtsausdruck, wenn sie etwas Neues zu erzählen hatte. Sie machte die Augen groß, ihren Mund spitz und nickte leicht mit ihrem Kopf. Eigentlich waren es immer Sachen, die mich nicht interessierten, wie letzte Woche, als sie mir mitgeteilt hatte, Allie-May würde ihr viertes Kind erwarten. Wäre Allie-May nicht eine Gebärmaschine, hätte man dies nicht voraussagen können. Da sie eine war, wunderte es niemanden. Das war einfach der Tratsch und Klatsch, den sich die älteren Leute erzählten. Nichts, was eine 18-Jährige wissen wollte. Trotzdem hatte Grandma niemanden sonst außer mir. Ich konnte ihr einfach nicht den Spaß verderben. So hörte ich ihr wie immer geduldig zu.

»Der Erbe von Mr. Solter ist seit gestern in der Stadt. Er kommt aus New York und es heißt, er möchte das gesamte Haus seines Großvaters renovieren und modernisieren. Ist das nicht toll?« Sie setzte ihren gelben Hut mit der großen Tüllschleife ab und legte ihn auf den Tisch. Wie immer hatte sie sich sehr schick gemacht für die Kirche. Sie trug ein elegantes weißes Kleid, passend zu ihren weißen Handschuhen. Der gelbe Gürtel oberhalb ihrer Taille war ein zusätzlicher Blickfang.

»Ja, natürlich«, sagte ich gespielt euphorisch. Ich stellte mir einen 40-jährigen Schnösel vor, der sich hier ein Ferienhaus einrichtete. Na toll, wir würden bestimmt beste Freunde werden. Selbstverständlich war ich froh darüber, dass sich jemand um die Villa und deren Umgebung kümmerte. Es war zu schade, sie verrotten zu lassen, aber ich befürchtete, dass er die Schönheit des Objekts nicht wertschätzte und es vollkommen verhunzen würde.

Die Villa von Mr. Solter und ich hatten eine kleine Geschichte. Sein Anwesen lag genau an dem See, in dem ich als Kind immer und immer wieder baden war. Schon mit vier war ich völlig fasziniert gewesen von diesem Gebäude. Ich hatte es so oft gemalt, dass ich es im Kopf schon in- und auswendig konnte. Die Bilder hingen jetzt noch an unserem Kühlschrank und ich glaubte, dieses Haus war mit ein Grund dafür, dass ich heute Architektur studieren wollte.

»Er soll wirklich attraktiv sein«, versuchte sie die Neuigkeiten weiter aufzubauschen.

»Dann wird sich bestimmt Sophie an ihn ranschmeißen«, scherzte ich. Sophie arbeitete wie ich in Anna’s Bakery. Sie war die einzige Tochter von Anna und James. Sie hatte nie ihren Schulabschluss fertiggemacht und genoss - um es nett auszudrücken - die Aufmerksamkeit des männlichen Geschlechts. Präziser gesagt war sie das Flittchen in unserer Gegend. Obwohl sie schon dreißig war, hatte sie weder Lust die Bäckerei zu leiten noch eine feste Beziehung zu führen. Besonders Neuankömmlinge in der Stadt fand sie anziehend und aufregend.

»Ich hoffe, er hat genug Geschmack, um sich nicht auf sie einzulassen.« Sie zog die Nase kraus und fuhr fort:

»Er will bestimmt nichts erkunden, was vor ihm schon hundert Männer besichtigt haben.«

»Granny!«, sagte ich mahnend, aber auch lachend. »So etwas aus deinem Mund zu hören.«

»Na ja, ich werde dich nicht weiter stören. So wie du aussiehst, wolltest du gerade malen gehen.« Ich hatte mir mein langes weißes T-Shirt angezogen, das schon bunt war vor lauter Farbklecksen, mein Mal-T-Shirt, welches meine andere Kleidung schützen sollte. Sie riskierte noch einen Blick auf meine Skizze, die ich mitnehmen wollte, und ein Lächeln huschte über ihre Lippen.

Sie packte den Rest der Sachen weg. »Ich werde den Braten mal in den Ofen schieben. Um 14 Uhr gibt es dann Mittag. «

»Alles klar.«

Sie drehte die Musik wieder lauter und ich ging. Immer wenn ich malte, nahm ich meine Umgebung kaum wahr, geschweige denn die Zeit, die verstrich. Ich verlor mich ganz und gar in den Farben und den Pinselstrichen. Ich malte unser Haus, aber irgendwie war ich mit dem Ergebnis nicht ganz zufrieden. Ich suchte nach dem Fehler im Bild und betrachtete das verblichene Haus, den weißen Zaun, die alten Obstbäume und das hohe Gras mit den bunten Wildblumen um unser Grundstück herum. Es war alles da, aber die Liebe, die ich für dieses Haus empfand, war nicht zu spüren. Es war einfach nur ein kaltes Abbild von einem x-beliebigen Haus – nicht unseres. Als mir das klar wurde, zerrte ich die Leinwand von der Staffelei, griff dabei in die noch feuchte Farbe und stellte sie laut fluchend in die Ecke. Dort war sie in bester Gesellschaft mit meinen anderen missglückten Bildern.

Ich musste noch so viel an mir arbeiten. Ich starrte meine Hände an. Es war zum Verrücktwerden. Vielleicht hatte ich gar nicht das Zeug dazu, Architektin zu werden. Reichte mein Talent dafür aus? Beziehungsweise würde es jemals dafür ausreichen? Ich wollte keine mittelklassige Architektin werden. Ich wollte gut sein, verdammt gut. Mit meinen Entwürfen sollten Gefühle vermittelt werden, die jeder zukünftige Kunde sehen sollte. Ein Haus ist ja nicht dazu da, um es anzustarren, sondern um darin zu wohnen. Also musste es von Anfang an einen Funken geben, der jeden überzeugen würde, dieses Haus haben zu wollen.

Ich wusch mir die mit Farbe verklebten Hände ab. Manchmal war ich so naiv zu glauben, mit meinen Bildern vielleicht Geld verdienen zu können. Das Geld, das ich noch bräuchte, um mein Ziel zu erreichen. Doch dann wurde die Hoffnung von meiner schlechten Leistung wieder zunichtegemacht. Das konnte einfach nicht klappen.

Seufzend schnitt ich mir ein Stück vom Schweinebraten ab.

»Dein Bild hat mir sehr gut gefallen«, versuchte meine Oma mich aufzumuntern. »Ich würde es mir gerne aufhängen.«

»Geht nicht.« Fragend schaute sie mich an.

»Wieso?«

»Weil es nicht gut ist. Wenn ich es jeden Tag sehen müsste, würde ich wahrscheinlich nie wieder einen Pinsel in die Hand nehmen.«

»Ach, rede doch nicht solch einen Unsinn. Du bist viel zu streng mit dir. Ich wünschte, du könntest das Bild mit meinen Augen sehen, dann würdest du merken, welch ein großes Talent du besitzt. Und wenn ich den Kredit nächste Woche bekomme, dann werden dir deine Professoren das Gleiche sagen.« Klirrend ließ ich die Gabel auf meinen Teller fallen. Wie konnte sie nur glauben, dass die Bank ihr einen Kredit bewilligt?

»Du bist viel zu optimistisch. Deine Rente ist mickrig und wir haben keine Sicherheiten. Hör auf, mir damit Hoffnungen machen zu wollen.« Verletzt schaute sie auf den Teller. Mir war ganz und gar der Appetit vergangen. Schnell schmiss ich den Rest weg und stellte den Teller in die Spüle.

»Danke für das Essen. Ich gehe in mein Zimmer.« Oben angekommen, wischte ich sauer meine Tafel ab. Ich konnte den Sternenhimmel nicht länger ertragen. So wie ich nichts länger ertragen konnte. Irgendwie war ich wütend auf meine Großmutter, aber irgendwie auch nicht. Nein, ich war wütend auf mich selbst, weil ich meine schlechte Stimmung gerade an ihr ausgelassen hatte, obwohl sie genau so wenig dafür konnte wie ich. Ich sollte ihr dankbar sein, denn sie unterstützte mich in allem. Jeden Monat legte sie sogar etwas für mich zurück, obwohl die Rente kaum für alle Ausgaben reichte, und dann musste ich ihr noch nicht einmal etwas von meinem Lohn abgeben.

 

***

 

Am nächsten Tag musste ich schon sehr früh in der Arbeit sein. Um 6 Uhr am Morgen machte der Verkauf schon auf. Damit grasten wir auch die Kunden ab, die sich vor der Arbeit noch einen Kaffee und ein Sandwich besorgten, bevor sie eine Stunde in die nächstgelegene Stadt fuhren, um dort ihre Arbeit auszuüben. Die einzige stressige Zeit, die es in dem Laden gab. Dabei half mir Sophie, alle Bestellungen so schnell wie möglich abzuarbeiten. Drei Stunden später war es dann geschafft.

Sophie füllte gerade die Sandwiches und Bagels auf, während ich wieder Kaffee machte, aber mit der guten alten Filtermaschine.

»Hast du schon das von unserem neuen Einwohner gehört?«, fragte sie.

»Wir leben in einer Kleinstadt … wie sollte ich davon noch nicht gehört haben?« Während sie sich nach vorne bückte, konnte man den Ansatz ihres Pos sehen. Sie hatte sich die Arbeitskleidung kürzen lassen. Noch billiger ging es gar nicht.

»Leider habe ich ihn noch nicht getroffen. Meinst du, er sieht wirklich so gut aus, wie die anderen sagen?«

Ich dachte an den alten Mr. Solter. Er war definitiv keine Augenweide gewesen.

»Ich glaube, er ist ein 40-jähriger Mann mit Halbglatze«, versuchte ich sie zu entmutigen. Sie zuckte mit den Schultern. »Kann schon sein, aber er fährt ein heißes Auto. Das habe ich mit meinen eigenen Augen gesehen.« Plötzlich bimmelte die Türglocke. Sophie und ich hielten inne und starrten zur Tür, wo der attraktivste Kerl stand, den ich jemals gesehen hatte. Das Erste, was mir auffiel, war seine Größe. Er versperrte mit seinem Körper die gesamte Tür. Dicke dunkelbraune Strähnen hingen in seinem markanten Gesicht. Er hatte breite Schultern, die von einem schwarzen, ausgewaschenen T-Shirt bedeckt waren. Darunter zeichneten sich seine ausgeprägten Brust- und Bauchmuskeln ab, von denen ich meine Augen schwer losreißen konnte. Seine Augen, die sicherlich wunderschön waren, wurden von einer dieser teuren Markensonnenbrillen verdeckt, die ich mir niemals würde leisten können. Sofort wusste ich, dass dies der Solter-Erbe war … und nein, er war ganz und gar kein 40-jähriger Mann mit Halbglatze. Er war vielleicht Mitte zwanzig. Aus Scham wandte ich schnell meinen Blick ab.

»Hallo«, sagte er. Ich war wie erstarrt, doch Sophie antwortete.

»Hi, such dir schon mal einen Platz aus, ich komme dann gleich mit der Karte zu dir.« Er nahm die Brille ab, doch bevor ich seine Augen sehen konnte, wandte er mir den Rücken zu. Sophie tippte mich an und formte mit den Lippen: »Er gehört mir.« Das war ja klar, aber mir sollte es recht sein. Ich wusste sofort, dass ich nicht in seiner Liga spielte.

Ganz lasziv lief sie auf ihn zu und beugte sich etwas zu weit vor, als sie die Karte vor ihm auf den Tisch legte. Er hatte aber kein Auge für sie. Leider konnte ich die beiden nicht weiter beobachten, weil gerade Mr. Petrucci zur Tür hereinkam und seinen alltäglichen Kaffee und die kleine Frühstücksplatte bestellte. Schnell stellte ich den Teller zusammen und brachte ihn zusammen mit einem Korb voller Brot an seinen Tisch.

»Ist das der Neue?«, flüsterte er.

»Er hat sich mir nicht vorgestellt, aber ich denke schon.«

»Sieht nett aus, fast so wie ich in meiner Jugend.« Ich lächelte.

»Bringst du mir bitte noch die Zeitung von heute? Dann kann ich ihn besser beobachten, ohne dass er etwas merkt«, kicherte er.

»Ja, die brauche ich auch.«

Sophie gab sich wirklich Mühe, ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sie fragte, woher er kam, was er beruflich machte, wie es ihm hier gefiel … und so weiter und so fort. Er antwortete auch immer höflich, doch fielen seine Antworten knapper aus, als es angemessen war. Daran merkte man sofort, dass er überhaupt nicht interessiert war. Irgendwann gab Sophie schließlich auf und verschwand in der Toilette. Natürlich erst, nachdem sie bei ihm abkassiert hatte, und ihrem Lächeln nach zu urteilen war er der erste Gast hier, der ordentlich Trinkgeld gab.

Obwohl er schon fertig war, saß er noch eine Weile da und tippte auf seinem Handy herum. Die leeren Teller standen schon länger als üblich auf dem Tisch, doch ich fand nicht den Mut, sie abzuräumen. James kam mit seiner weißen Bäckermütze und seiner Kochkleidung aus der Küche und sah nach dem Rechten.

»Emma, könntest du bitte den Tisch abräumen. Wir wollen ja nicht unseren neuen Kunden verschrecken.« Ich biss mir auf die Lippe. Auch das noch, es war ja schon schlimm genug, sich nicht zu trauen, dem Neuen zu nahe zu kommen, aber dann auch noch vom Chef deswegen getadelt zu werden … Na ja, jetzt führte kein Weg daran vorbei, denn James wartete und beobachtete mich. Ich ging so selbstbewusst wie möglich in Richtung Tisch und stolperte dabei. Ich konnte mich zwar gleich wieder fangen, hatte aber Angst davor, dass er es gesehen haben könnte. Verunsichert schaute ich zu ihm. Seine Augen waren noch immer auf das Handydisplay geheftet. Gut, er hatte es nicht bemerkt. Vielleicht würde er es auch gar nicht bemerken, wenn ich abräumte. Schnell lief ich zum Tisch und stellte die beiden Teller, die mir am nächsten waren, übereinander. Der dritte war auf der anderen Seite des Tisches und ich machte meinen Arm lang, um ihn zu greifen. Er wollte mir helfen und hob den Teller in meine Richtung. Ich nahm ihm den Teller ab und berührte dabei aus Versehen seinen Finger. Wie ein elektrischer Schlag schoss auf einmal eine unerklärliche Energie durch meine Hand. Vor Schreck ließ ich den Teller fallen, der laut scheppernd auf den Tisch fiel. Mein Herz klopfte wie verrückt und ich hätte mich am liebsten in Luft aufgelöst. Verstohlen schaute ich in sein Gesicht, doch er erwiderte meinen Blick nicht. Immer noch schaute er auf sein Telefon. Schnell nahm ich die Teller an mich und murmelte noch eine Entschuldigung. Ich rannte fast in die Küche, nur um der Situation zu entfliehen. Erst hier begann ich wieder zu atmen.

Gedankenverloren betrachtete ich meine Hand. Was war denn das gewesen? So etwas hatte ich noch nie zuvor gefühlt. Ich wendete meine Hand erst einmal, dann zweimal, doch sie hatte sich nicht verändert. Meine Nervosität hat mir wohl einen Streich gespielt, ging es mir durch den Kopf.

»Vorsicht«, riss mich James aus meinen Gedanken. Er trug ein heißes Blech mit köstlich duftenden Zimtschnecken an mir vorbei. Ich machte ihm Platz.

Nach der Arbeit konnte ich es nicht erwarten, Daniel wiederzusehen. Schon fast eine Woche hatte ich keinen richtigen Kontakt mit Gleichaltrigen gehabt.

»Guten Tag, Emma«, begrüßte mich Daniels Mutter, die an der Rezeption arbeitete. Immer wenn ich sie sah, wusste ich, woher Dana ihre Schönheit hatte. Sie sahen sich beide sehr ähnlich, wobei Marlene wesentlich kürzere Haare hatte.

»Hallo, Marlene.« Sie lächelte freundlich.

Es war immer ein Erlebnis, die Eingangshalle zu betreten. Im ganzen Erdgeschoss war roter Teppich ausgelegt. Hinter der langen, strahlenden Rezeption, die aus weißem Marmor bestand, führten zwei gewölbte Treppen nach oben zu den Zimmern. Das Geländer war mit aufwendigen Schnitzereien verziert, um die sich mein Großvater gekümmert hatte, als er noch lebte. Der rote Teppich führte jeden Gast bis in den ersten Stock. Goldene Türklinken und Gepäckwagen glänzten um die Wette. Es roch wie immer nach frischem Kaffee und Gebäck. Das Hotel besaß im Untergeschoss sogar einen Pool und einen Wellness-Bereich. Dana, Daniel und ich hatten früher dort viel Zeit verbracht. Als Kinder war dies für uns ein riesiger Spielplatz gewesen.

Noch war hier nicht so viel los. Erst im Juni würde die Saison beginnen und die Halle würde mit Gästen gefüllt sein.

»Daniel ist in seinem Zimmer«, sagte sie.

»Danke.« Schnell stieg ich die vielen Treppen nach oben. Nachdem Dana ausgezogen war, hatte er ein Zimmer im Hotel bezogen. Da es im Moment nur seiner Schwester vergönnt war, auf die Uni zu gehen, bestand er darauf, wenigstens aus dem Elternhaus ausziehen zu dürfen. Sie waren zwar nicht sofort damit einverstanden gewesen, hatten sich aber überreden lassen, und so lebte er schon eine ganze Weile in einer der Suiten. Ich klopfte an die Tür und wartete darauf, dass er mich hereinlassen würde. Das Schloss klickte und keine Minute später erschien sein strahlendes Gesicht vor mir.

»Hey«, begrüßte er mich fröhlich und umarmte mich. Ich fühlte mich gleich schon wieder besser. Viel zu lange hatte ich meinen besten Freund nicht mehr gesehen. So lange, dass ich vergessen hatte, wie gut es mir eigentlich bei ihm ging. Daniel war nicht der Ordentlichste, überall lagen Klamotten auf den Möbeln und dem Boden verstreut. Auf der Couch war noch ein kleiner Fleck, der noch nicht mit Kram voll war, also setzte ich mich dort hin.

»Kann ich dir irgendetwas anbieten?« Schnell sammelte er noch ein paar Boxershorts ein, die er im Bad verschwinden ließ, ebenso wie die Sachen, die auf dem Sofa lagen.

»Vielleicht einen Wodka Tonic?«

Ich lachte. »Nein, vor sechs trinke ich nichts. Eine Cola reicht mir.« Das Hotelzimmer war wie eine kleine Wohnung, bestehend aus zwei Zimmern und einem Bad. Das Wohnzimmer hatte einen schönen Blick auf unsere Stadt. Zusätzlich zu dem Sofa, auf dem ich saß, gab es zwei Sessel, die hin zu einem Flachbildschirm ausgerichtet waren. Das Bett befand sich auf der anderen Seite einer großen Flügeltür, die im Moment verschlossen war. Wahrscheinlich wartete dahinter noch mehr Chaos, das ich besser nicht sehen sollte. Er stellte die Cola vor mir auf den Tisch und ließ sich mit einem Satz neben mir auf die Couch fallen.

»Mein Vater ist ein Diktator«, beschwerte er sich. Obwohl Dana und er Zwillingsgeschwister waren, gab es nicht viel, was sie verband. Jedenfalls weder das Aussehen noch der Charakter. Daniel kam mehr nach seinem Vater. Er hatte braune, leicht gelockte Haare, braune, schöne Augen und einen Dreitagebart, der ihn älter als neunzehn wirken ließ. Er achtete zwar auch auf sein Aussehen, aber er hatte einen ganz anderen Stil als seine Familie. Während seine Eltern und Dana immer sehr elegante Anziehsachen trugen, bevorzugte Daniel Jeans und Boots.

»Was ist denn nun schon wieder passiert?« Er seufzte. »Er hat mich den ganzen Arbeitstag verfolgt. Egal, ob ich die Zimmer kontrolliere, an der Rezeption stehe oder die Zahlen durchgehe. Immer wieder sehe ich seinen prüfenden Blick, der jeden Fehler von mir sofort erkennt. Deine Krawatte sitzt nicht richtig …«, machte Daniel seinen Vater nach, »… das Bett muss noch mal gemacht werden. So kann kein Gast zufrieden sein … bla, bla, bla.« Er schlug die Hände vors Gesicht und brüllte wütend in seine Handinnenflächen. »Ich habe keine Möglichkeit mehr, zwischendurch für eine Stunde zu verschwinden, um weiter an meinem Buch zu schreiben.« Er wirkte wirklich verzweifelt, was ich gut verstehen konnte. Sein Leben war ziemlich hart. Während seine Schwester sich in der Welt austoben konnte, war Daniel gezwungen, das Hotel zu übernehmen und auf seinen Traum - Drehbuchautor zu werden - zu verzichten. »Selbst in meiner Pause lässt er mich nicht in Ruhe. Wenn ich nur in die Nähe meines Laptops komme, steht er plötzlich vor mir und schüttelt sich eine neue Aufgabe aus dem Ärmel. Es ist einfach zum Verrücktwerden. Wenn es nach ihm ginge, hätte ich gar keine Sekunde Freizeit mehr. Leider hat der Arbeitstag jedoch nur acht Stunden. Ich habe sogar den Verdacht, dass er mir immer die Frühschicht aufbrummt, damit ich nach der Arbeit zu müde bin, um zu schreiben.«

»Dein Vater ist ein Idiot.«

Er zog die Knie an sich. »Wenn ich blond und ein Mädchen wäre, würde er mich in allem unterstützen«, beschwerte er sich. »Er hat ihr sogar das sauteure Modelcamp bezahlt, als sie sich mit fünfzehn in den Kopf gesetzt hatte, so ihr Geld zu verdienen, und dann plötzlich wollte sie doch lieber Schauspielerin werden.«

»Mir hat sie letztens geschrieben, sie möchte Innenarchitektin werden.« Er schüttelte den Kopf.

»O Mann, sie kann doch noch nicht mal zeichnen. Versteh mich nicht falsch, ich liebe meine Schwester. Doch manchmal kann ich es einfach nicht ertragen, wie leicht sie es hat.«

»Da geht es mir nicht anders.« Meine Stimmung schlug plötzlich um und ich wurde traurig. So gut wie er mich kannte, bemerkte Daniel das sofort.

»Hast du Lust auf Zimmerservice und einen Film?«

»Wenn ich den Film aussuchen darf?« Er zog eine Augenbraue hoch und wägte ab.

»Na gut, aber nur wenn du mir ein Lächeln schenkst.« Reflexartig zogen sich meine Mundwinkel nach oben und er nahm den Hörer in die Hand, um die Bestellung aufzugeben. So gut wie er mich kannte, wusste er, dass für mich nur der Burger mit Pommes in Frage kam. Er hatte hunderte Filme in seinen Regalen und das war eigentlich nur ein kleiner Auszug aus seiner Sammlung. Der Rest befand sich in dem Haus seiner Eltern. Erst als das Essen kam, hatte ich mich endlich für einen Film entschieden - American Psycho. Spannend genug, um sich von den alltäglichen Problemen ablenken zu lassen, aber auch nicht zu gruslig, um nachts nicht schlafen zu können.

Der Couchtisch war voll mit köstlich duftendem, fettigem Essen und dann schaltete er den Fernseher ein. Christian Bale erinnerte mich ein bisschen an den Solter-Typen. Ich wusste noch nicht einmal seinen Namen.

»Weißt du, wen ich heute in der Bäckerei gesehen habe?« Fragend schaute er mich an, während er sich ein Stück Pommes in den Mund schob.

»Den Solter-Erben.«

»Ach, du bitte nicht auch noch.« Ich zog die Augenbrauen nach oben und er erklärte: »Meine Mutter und ihre Freundinnen, die immer zur Maniküre ins Hotel kommen, sind hin und weg von ihm, obwohl er viel zu jung für sie ist.«

»Ich muss zugeben, er sieht wirklich sehr gut aus, aber mich zieht es doch eher zu den Künstler-Typen hin, die verwuschelte Haare haben und zu faul sind, um sich zu rasieren.« Gewollt spielte ich auf seinen Look an. Statt etwas Lustiges zu kontern, war er ganz verunsichert.

»Magst du meinen Bart nicht?« Ich setzte mich auf und Panik stieg in mir hoch, ihn versehentlich verletzt zu haben. »Doch, doch, natürlich mag ich ihn. Ich meinte nur, dass der Solter-Typ mir viel zu perfekt aussieht. Gar nicht mein Geschmack.« Er beruhigte sich und ich ließ mich wieder an die Lehne zurücksinken.

»Ich kann es nicht beurteilen. Ich habe ihn noch nicht gesehen.«

»Sophie hat sich natürlich gleich an ihn rangemacht. Aber er ist gar nicht drauf eingegangen.«

»Na ja, wenigstens etwas, was ihn sympathisch macht.« Und damit war das Thema gegessen.

Danach schauten wir noch Fight Club - sein absoluter Lieblingsfilm. Als auch dieser zu Ende war, sprachen wir noch über seine neueste Filmidee, die ich wirklich gut fand. Doch leider war ich viel zu müde, um noch länger zu bleiben. Die Frühschicht hatte es immer in sich. Als es schon dunkel war, fuhr ich zurück. Es fiel mir schwer, mich auf die Straße zu konzentrieren. Immer wieder fielen mir die Augen zu. Ich versuchte mir mit lauter Musik zu helfen, doch nur für kurze Zeit ging es mir besser. Der Weg war so eintönig. Überall standen große, dunkle Bäume neben der Straße. Die kleinen Punkte meiner Scheinwerfer erhellten kaum die Umgebung. Mein Blick verfolgte stupide den Verlauf des Asphalts, als ich plötzlich eine Bewegung im Augenwinkel wahrnahm. Vor Schreck trat ich auf die Bremse, als ein großes Tier, ein riesengroßes Tier, vor mir über die Straße huschte. So wie man es eigentlich nicht machen sollte, riss ich das Lenkrad herum, um dem Hindernis auszuweichen. Ich schrie laut, als ich sah, dass ich auf den nächsten Baum zusteuerte. Er kam immer näher und mein Gehirn reagierte einfach nicht, doch dann endlich befreite ich mich aus der Starre und lenkte in die entgegengesetzte Richtung. Kurz vor dem Aufprall machte das Auto einen Schlenker und hielt schließlich an. Jetzt war ich hellwach, mein Herz schlug kräftig in der Brust und das Blut rauschte laut in meinen Ohren. Mit weit aufgerissenen Augen blickte ich durch die Windschutzscheibe, nach der Ursache für meinen Beinahe-Unfall suchend. Doch es war nichts mehr zu sehen. Ich inspizierte meine Umgebung, schaute durch die Seitenfenster. Die Bäume reihten sich aneinander und bildeten ein für die Augen undurchdringbares Hindernis. Hinzu kam die Dunkelheit, die nur Schatten erkennen ließ. Draußen schien alles ruhig zu sein. Ich nahm keinerlei Bewegung wahr. Das Tier war offenbar verschwunden, auch wenn ich mir nicht sicher sein konnte. Langsam beruhigte ich mich wieder. Ich wusste nicht, was ich gesehen hatte. Wie ein Reh hatte es nicht ausgesehen, aber für einen Kojoten war es viel zu groß gewesen. Wölfe gab es hier eigentlich nicht, aber es konnte schon mal vorkommen, dass sich der eine oder andere in unsere Wälder verlief. Doch selbst für einen Wolf war die Gestalt zu groß gewesen. Mein Herz raste noch immer und ich wäre am liebsten nicht weitergefahren, aus Angst, ich würde wegen meiner Aufregung noch einen Unfall bauen. Doch aussteigen und den Rest laufen kam für mich auch nicht in Frage. Nicht, wenn ein Ungeheuer draußen auf mich wartete. Vielleicht beobachtete es mich gerade und wartete nur darauf, dass ich aus dem Wagen stieg. Als sich dieser Gedanke in meinen Kopf schlich, wollte ich so schnell wie möglich weg von hier. Ich drehte die Zündung … ein-, zwei- und dann dreimal, doch der Motor blieb stumm.

»Komm schon. Lass mich bitte nicht im Stich.« Beim fünften Mal erhörte das Auto mein Flehen und sprang an. Mit einem Ruck fuhr ich zurück auf die Straße, um endlich weg von hier zu kommen. Meine Augen huschten hin und her, beobachteten alles, um nicht noch einmal überrascht zu werden. Nach diesem Erlebnis konnte es mir garantiert nicht mehr passieren, dass ich am Steuer einschlief. Immer wieder sah ich das dunkle Wesen, das nur wenige Meter vor mir über die Straße gerannt war. Es war wie ein schwarzer Schatten gewesen, einem Albtraum entsprungen. Meine Hände zitterten immer noch, als ich mir, endlich zu Hause angekommen, ein Glas Wasser einschenkte. Das war eindeutig noch der Schock. Nicht genug, dass ein unbekanntes Tier mein Auto beinahe gerammt hätte, hinzu kam noch, dass ich die Kontrolle über mein Auto verloren hatte und fast mit einem Baum zusammengestoßen wäre.

Ich war so froh, als ich in meinem Zimmer ankam - in Sicherheit.

 

Ende

 

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